Apulien entlang der Küste – Ein Reisebericht

Geschichte und Geschichten auf der Route Vieste – Trani – Barletta – Castel del Monte – Bari – Brindisi – Santa Maria di Leuca

Apulien, im Italienischen Puglia, taucht oft im Plural Puglie auf, als ob es derer viele gäbe. Und tatsächlich lässt sich die Region im tiefen Süden Italiens kaum in einem einzigen Satz zusammenfassen. Reisende sollten sich schon etwas mehr Zeit nehmen als Phileas Fogg, der Protagonist aus Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“. Dieser hielt sich ganze 60 Minuten in Brindisi auf, wo er das Dampfschiff nach Suez bestieg. (Phileas Fogg war der Prototyp des global Reisenden oder besser: Verkehrsteilnehmers, dem es darauf ankam, möglichst keine Erfahrungen zu machen.)

Apulien – Ein Land zwischen den Meeren mit wunderschönen Küsten auf dem Absatz des Stiefels.

Vieste. Die langgezogene Topographie am unteren, hinteren Teil des italienischen Stiefels, lässt den langsam Reisenden und Entdeckenden, der mehr sehen möchte als Bahnhöfe, Flughäfen und Schiffsterminals, fast unwillkürlich eine Route entlang der Adriatischen Küste wählen. In dem eher unscheinbaren Ort Vieste beginnen wir unsere Reise von Nord nach Süd. Alles zwischen Oktober und Juni ist in Vieste Nebensaison, oder treffender: außerhalb der Saison.

Auf einem Kalksporn ragt der Ort einige Hundert Meter ins Meer. Darauf auf einem Felsen steht die Chiesa San Francesco aus dem Jahre 1438 mit einem Bein fast im Wasser. Seltsame Holzkonstruktionen säumen die Küste. Das sind traditionelle Fischfanggeräte, die sogenannten Trabucchi. An langen Pfählen, die zum Ufer hin abgestagt sind, lassen die Fischer bis zu 200 Quadratmeter große Netze ins Meer hinab. Sobald die Fischschwärme sich in die Netze verirren, werden diese mit einer Winde aufgeholt. Unser Reiseführer verweist auf den Leuchtturm von Vieste, bei dem es sich um den drittwichtigsten im Land handeln soll. Welches sind die zwei wichtigsten Leuchttürme Italiens? Und warum wichtig und nicht schön, hoch oder hell?

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Trani. Vielleicht ist Ihnen Trani schon in anderen Städten Europas begegnet. Der hellrote Naturstein pietra tranense wird noch heute in der Gegend abgebaut und weltweit vertrieben. Er gibt der Stadt ihren eigenen Charakter. Kathedrale und Kastell beispielsweise sind aus dem hiesigen Stein erbaut. Im Kastell begegnet uns auch zum ersten und nicht letzten Mal in Apulien Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen. Er ließ das sogenannte Schwabenkastell im 13. Jahrhundert errichten.

Ein Sprung in der Geschichte: Auf einer Stele in Trani, sind die Namen von 54 Männern eingraviert sowie der des Oberleutnants der Wehrmacht Friedrich Kurtz. Die jungen Männer waren bereits auf dem Dorfplatz versammelt, um aus Rache für einen Überfall erschossen zu werden. Der Leutnant ließ sich jedoch durch Verhandlungen mit dem Bischof und dem Bürgermeister von Trani umstimmen und widersetzte sich so der Wehrmachtsführung. Das Ereignis ging als Wunder von Trani in die Geschichtsbücher ein.

Um noch einmal auf Phileas Fogg zurückzukommen: Trani ist Mitglied der Gruppe Cittàslow. Ihr geht es um die Erhöhung der Lebensqualität in Städten durch Entschleunigung.

Romantisch – Die Abendstimmung im Stadthafen von Trani mit Blick auf die Kathedrale.

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Barletta. Wie gesagt, Friedrich II. wird uns auf unserer Reise nach Süden noch häufiger begegnen: In Barletta ließ der Kaiser das Kastell aus der Zeit der Normannen erweitern. Das Stauferkastell ist eine mächtige Festung im Herzen der Stadt. Nicht weit entfernt steht die prachtvolle Kathedrale Santa Maria Maggiore. Sie ruht auf den Fundamenten eines Neptuntempels. Das sei nur am Rande erwähnt, da wir der Küste folgen und uns Schutz des Meeresgottes willkommen ist. Als Ergänzung zum Wunder von Trani sollte an dieser Stelle aber berichtet werden, dass Barletta während der Zeit des Zweiten Weltkriegs der Schauplatz der ersten Aktionen der Resistenza war.

Castel del Monte. Wer kennt nicht die grandiose Verfilmung von Umberto Ecos Roman Der Name der Rose mit Jean Connery und Christian Slater. Die eigentliche Hauptrolle spielte darin die geheimnisvolle Bibliothek des Klosters. Das Ädificium im Film ist dem Castel del Monte nachempfunden. Wir nähern uns dem sagenumwobenen Schloss Kaiser Friedrichs II. (ja, hier ist er wieder) und tatsächlich überkommt uns ein Gefühl von dunklem Mittelalter. An diesem Tag ist es diesig, es ziehen Regenwolken auf und das Kastell hebt sich drohend von dem grauen Himmel ab, während wir aus der Froschperspektive den Hügel erklimmen.

Durch meterdicke Mauern betreten wir den Bau, dessen Zweck sich bis heute nicht ganz erschließt. War es ein Jagdschloss, ein Fortifikations- oder ein Repräsentationsbau? Unter Lokalpatrioten ist die Deutung als Krone Apuliens die beliebteste. Wie dem auch sei, Hintergrundwissen bedarf es wenig, um den Bau auf sich wirken zu lassen. Doch das Geheimnis wird größer, je mehr Information über das geheimnisvolle Schloss gesammelt wird. Jedes Mosaiksteinchen führt zu mehr Fragen.

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Bari. Unsere Reise entlang der Küste Apuliens steht bereits im Schutz Neptuns. Da ist es nur ein logischer Schritt, auch dem Heiligen der Seefahrer, dem Heiligen Nikolaus, einen Besuch abzustatten. Im Jahre 1087 raubten die Süditaliener die Gebeine des Heiligen aus seiner ehemaligen Wirkungsstätte in Myra an der kleinasiatischen Küste, mit der Begründung, die Reliquie vor den Mauren in Sicherheit zu bringen. Der Legende nach versteckten sie die Gebeine in Trögen mit Schweineschmalz, die die Mauren nicht anrührten.

Eine stattliche Basilika musste her. Einige Quellen berichten, dass diese bereits zehn Jahre nach dem Raub vollendet wurde, andere gehen davon aus, dass erst 100 Jahre später die Schlussweihe stattfand. Die Krypta bietet die Möglichkeit, sowohl einen katholischen, wie auch einen orthodoxen Gottesdienst abzuhalten.

Tipp: Vom 7. bis zum 9. Mai eines jeden Jahres findet das Fest des Heiligen statt (nicht am 6. Dezember). Seine Figur wird in einer üppigen Prozession zum Hafen getragen und in einem Boot hinaus in die Bucht gefahren.

Bei Bari trifft übrigens die alte Römerstraße Via Appia auf die Küste. Wir folgen ihr weiter bis zu ihrem Ende in Brindisi.

Die Basilika, heute ein Musterbeispiel der apulischen Romanik, wurde im 11. Jahrhundert erbaut.

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Brindisi. Am Hafen von Brindisi markieren zwei Säulen den Abschluss der wichtigsten römischen via publica. Phileas Fogg hatte wohl kaum Augen für diesen kulturgeschichtlich spannenden Ort, als er vom Bahnhof zum Hafen eilte, um das Dampfschiff nach Suez nicht zu verpassen. Markiert doch das Straßen- und Handelsnetz der Römer einen wichtigen Moment in der Entwicklung des globalen Verkehrs – die Idee der (planbaren) Erreichbarkeit eines jeden beliebigen und noch so abgelegenen Teil des Reiches. Wir erfreuen uns umso mehr an der Idee der Entschleunigung: Cittàslow, slow travelling, Slowfood. Letztere Bewegung hat ihren Ursprung übrigens auch, wie mag es anders sein, in Italien. In einer einfachen Taverne stoßen wir am Abend mit dem gehaltvollen Rotwein Apuliens an, mit dem Negroamaro, dem Schwarzbitteren.

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Santa Maria di Leuca. Der kleine Ort ganz im Süden der Halbinsel Salento markiert das Ende unserer Reise entlang der apulischen Küste. Hier steht auf einem freien großen Platz ebenfalls einer der imposantesten Leuchttürme des Landes. Wie wichtig er ist, wissen wir nicht, er ist aber mit 47 Metern der zweithöchste in Italien. Den Bezug auf die Heilige Jungfrau erhielt Leuca, nachdem die Mutter Gottes ein Schiff vor der Küste aus der Seenot gerettet haben soll. Die Zeiten Neptuns waren wohl schon vorbei und der Heilige Nikolaus ruhte noch in Myra. Auch Petrus soll auf seiner Fahrt nach Rom hier gepredigt und so den Minerva-Tempel zum Einsturz gebracht haben. Wir vermuten, dass Petrus (ein Herumtreiber im Auftrag des Herrn) hier Schiffbruch erlitt, wie an so vielen Stellen im Mittelmeer, und es sich um sein Boot handelte, das die Heilige Jungfrau aus den Fluten errettet hat.

Der Leuchtturm von Santa Maria di Leuca liegt dort, wo Adria und Ionisches Meer aufeinandertreffen.

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Haben Sie noch einen besonderen Apulien-Tipp? Dann teilen Sie diesen doch gerne mit anderen Reiselustigen, die sich auf die Spur von Phileas Fogg und Friedrich II. begeben wollen.

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Kommentare

  1. Renate Kobler

    Sehr schön. Wer noch etwas Zeit hat,dem empfehle ich, den Salento besser zu ergründen: Die Barockstadt Lecce, Otranto, die Stadt der Kreuzfahrer, Gallipoli, die Schöne, auf der anderen Seite, wo das Meer an die Karibik erinnert und noch vieles mehr.

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