Die Algarve – Steilküsten und verwunschene Lagunen

Die Algarve (im Portugiesischen männlich: o Algarve), oder, wie es früher hieß die Algarven, im Plural, das ist nicht eine Landschaft, es sind viele. Die Algarven, das sind die Landschaften zwischen Vila Real de Santo Antonio im Südwesten an der Mündung des Flusses Guadiana, der die Grenze zu Andalusien bildet, und dem Leuchtturm am Cabo de São Vicente, der den südwestlichsten Punkt Kontinentaleuropas markiert. Die Algarven sind auch die Landschaften an der Westküste und im Hinterland bis hinauf nach Odeceixe, San Marcos und Ameixal.

Die Algarve punktet mit ursprünglichen Orten und atemberaubender Küste

Besteigt der Reisende in Ayamonte, auf der spanischen Seite des Flusses Guadiana, die Fähre und lässt lautstark schreiende Männer, lärmende Kinder und hupende Autos hinter sich, dann erscheint die barocke Idealstadt Vila Real de Santo Antonio auf der portugiesischen Seite wie eine Oase der Ruhe. Es scheint, als  trenne der Fluss nicht nur zwei Länder, sondern Mentalitäten voneinander. Der kürzlich verstorbene Satiriker Wiglaf Droste hat das einmal auf die Spitze getrieben, als er sagte: „Der Spanier an sich zerfällt in drei Teile: laut, kein Spaß und Olivenöl.“ Nirgendwo trifft dieses (der Autor kann aus eigener, jahrelanger Erfahrung hinzufügen: teilweise passende) Klischee mehr zu, als in Andalusien.

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In Vila Antonio scheint die Zeit einem anderen Rhythmus zu gehorchen. Dass der Reisende sich plötzlich in einer anderen Zeitzone befindet – die Uhr wird eine Stunde zurück gestellt – macht dies besonders deutlich. Im Jahre 1774 ließ der Marquês de Pombal die durch ein Erdbeben völlig zerstörte Stadt nach klar strukturierten Plänen in nur wenigen Monaten wieder aufbauen. Es gibt einen zentralen Platz und schachbrettartig angeordnete Straßenzüge. Leider bröckelt der Putz hier und da von den Fassaden, was aber Vila Real einen auratischen Charme verleiht, trotz der geradlinigen Anlage der Stadt.

An der Algarve warten viele atemberaubende Strände in traumhaften Buchten

 Zwischenstopp in Tavira

Auf dem Weg nach Westen bietet sich ein Zwischenstopp in Tavira an. Einst eine blühende Stadt des Fischfangs, verleidete Tavira zunächst das gleiche Schicksal wie so viele andere Städte in Portugal – die Stadt wurde während des Erdbebens von 1755 fast gänzlich zerstört. Auch hier leitete der Marqués de Pombal zusammen mit dem Bischof von Faro den Wiederaufbau. Mit dem Thunfischfang erlangte Tavira neue Größe. Mehr als 40.000 Thunfische wurden Ende des 19. Jahrhundert an der Algarve noch gefangen. Unter anderem mit Stellnetzen in der Flussmündung von Tavira. In den 1970er Jahren waren die spärlichen Fänge kaum noch nennenswert. Mit den Sardinen sah es nicht anders aus und so verwandelte sich die alte Thunfischfangstation in ein Luxushotel.

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Die Gassen von Tavira laden zum Schlendern ein

Die Lagune von Culatra – Olhão – Faro

Ein Highlight für Individualreisende an der Algarveküste ist die Lagune von Culatra zwischen den (ebenfalls sehenswerten) Städten Olhão und Faro. Die Ilha da Culatra bildet einen natürlichen Schutzwall aus Sand vor einer Lagune mit flachem Wasser und traumhaften Stränden. Auf der schmalen Insel mit zwei kleinen Ansiedlungen kommt echtes Aussteigerfeeling auf. Von der Anlegestelle der Fähre, die Reisende von Olhão nach Culatra bringt, führt ein netter Spaziergang den Strand auf der Lagunenseite entlang in Richtung Inselmitte. Dort liegt, nur durch ein schmales Gezeitenrinnsal zu erreichen, eine Lagune in der Lagune und darin zahlreiche bewohnte und unbewohnte, zurückgelassene und aufs Neue eroberte Boote: kleine Fischerboote, Sportmotorboote, Segelyachten (oder das, was mal Yachten waren und einst segeln konnte) sowie Katamarane, die es mit dem etwa zwei Meter fallenden und wieder steigenden Wasser etwas leichter haben und deren illustren Bewohner komfortabler leben. Vom südlichen Ende dieses Gezeitentümpels, in dem die Ebbe Muschel und Krebse, alte Autoreifen und im Sand vergrabene Fischernetze freilegt, sind es nur wenige Meter bis zum Atlantikstrand Culatras. Dieser erstreckt sich vom nordöstlichsten bis zum südwestlichsten Punkt der Insel, an dem sich die zweite kleine Siedlung befindet. Von dort lässt sich wiederum die Fähre zurück nach Olhão nahmen.

Der Leuchtturm ist das Wahrzeichen der Insel Culatra

Von Olhão geht es weiter nach Faro. Auch hier besteht die charmante Altstadt aus altersschwachen Häusern des 17. und vor allem (Sie werden erraten, warum.) aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Das Erdbeben hatte Faro jedoch weniger heftig getroffen oder die Stadt hatte bessere Baumeister.) von denen der Putz im oberen Teil abbröckelt und dessen Erdgeschosse Geschäfte und gemütliche Bars beherbergen.

Das Zentrum von Olhão hat seinen ursprünglichen Charme bewahrt

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 Ferragudo – Portimão

Die Eisenbahn der Linie Linha do Algarve bringt uns weiter nach Westen und von der sogenannten Sandalgave zur Felsalgarve. Die Küste verwandelt sich von Dünenstränden und Lagunenlandschaften zu Steilhängen und idyllisch in Felsbuchten eingebettete Strände. Der Zug hält kurz vor Portimão in dem kleinen Ort Ferragudo. Bei der Recherche stößt der interessierte Reisende bei Wikipedia auf ein Foto des Bahnhofs und denkt: Wenn ich hier aussteige, wird kein Zug für mich anhalten, um mich wieder mitzunehmen. Doch Ferragudo ist ein Kleinod gegenüber der Touristenhochburg Portimão. Es ruhiger zu, als auf der anderen Seite des Flusses Arade. In den kopfsteingepflasterten Gassen des ehemaligen Fischerdorfes stehen die Häuser eng aneinander geschmiegt und überblicken Fluss und Ozean. Portimão hingegen kann mit der Praia da Rocha, dem Strand der Felsen aufwarten. Besonders im Sonnenuntergang, wenn die schroffen Steilhänge in ocker und rot leuchten, ist der 1,5 Kilometer lange Küstenabschnitt einen Besuch wert. Vom Meer aus gesehen, bietet die Küste dann einen unvergesslichen Anblick.

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Lagos

Die nächste Station auf dem Weg zum Ende der Welt ist die Hafenstadt Lagos, ein Ort, der von der bewegten Geschichte Portugals zu erzählen weiß. Zahlreiche portugiesische Karavellen starteten im 15. Jahrhundert von hier in Richtung Afrika. Die Schiffe, die es zurück geschafft hatten, waren voll  beladen mit duftenden Gewürzen, feinen Textilien und frischen Sklaven. Der historische Sklavenmarkt zeugt noch heute von diesem düsteren Teil der Geschichte Portugals. Im Jahre 1820 wurde der Sklavenhandel verboten. Im Jahre 1960 wurde auf dem Platz vor dem Mercado de Escravos ein Denkmal aufgestellt – nein, nicht für die versklavten Afrikaner, sondern für Heinrich den Seefahrer, anlässlich seines 500. Todestages.

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Die Praça Infante Dom Henrique ist ein beliebter Treffpunkt

Sagres – Cabo de São Vicente

Apropos Heinrich der Seefahrer – Wir nähern uns endlich dem Ziel (und leider dem Ende) unserer Reise entlang der Algarven. (Eine Algarve hatte ich noch vergessen zu erwähnen: die Algarve d’além-mar. Die Besitzungen der portugiesischen Krone an der Küste Nordafrikas waren auch Teile der Algarven.) Wir nähern uns dem Ende der Welt, zumindest dem Ende der im 15. Jahrhundert bekannten Welt. Noch bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein war der Ort Sagres ein weißer Fleck auf der touristisch erschlossenen Landkarte der Algarve. Nach den Aussteigern und Hippies kamen die Surfer, auf der Suche nach den ultimativen Atlantikwellen. Nach wie vor gibt es wenige Unterkünfte in dem Ort, der vollständig im Naturschutzgebiet des Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina liegt.

Der Panoramablick auf die Praia de Odeceixe ist beeindruckend schön

Kulturgeschichtlich interessierte Reisende kommen, um den Ort der legendären Seefahrtsakademie Heinrich des Seefahrers zu besuchen – legendär, da Sagres aufgrund seiner exponierten Randlage erst in späteren Jahrhunderten kulturell überhöht wurde. Als sicher gilt, dass der im Jahre 1928 freigelegte Steinkreis innerhalb der Fortaleza de Sagres aus der Zeit des Prinzen Heinrichs stammt. Unklar bleibt, zu welchem Zweck, ob als Windrose (Rosa dos Ventos) oder als Sonnenuhr, der Kreis errichtet wurde. Ein weiteres kleine Fort gibt es oberhalb des Strandes Praia de Beliche. Der englische Freibeuter und spätere Vizeadmiral Sir Francis Drake zerstörte die Fortaleza de Beliche im Jahre 1587. Drake verschonte allerdings die Kapelle Santa Catharina. Das Fort wurde mehr als 50 Jahre später wieder neu aufgebaut. Dann ereignete sich im Jahre 1755 – und hier schließt sich der geschichtliche Kreis zu unserem Ausgangsort mit dem berühmten roten Faden – das Erdbeben, das als eine der größten Naturkatastrophen Europas gilt. Das Epizentrum befand sich nur eine Tagesreise mit dem Schiff draußen im Atlantik.

Apropos Atlantik – Setzt der Reisende vom Cabo de São Vicente sein Abenteuer, ganz im Sinne Heinrich des Seefahrers, an Bord eines Schiffes fort, dann wird ihn das Feuer des Leuchtturms hoch oben auf dem Kap noch 40 Seemeilen weit hinaus auf den Ozean begleiten, bevor es hinter dem Horizont (Seeleute sagen, hinter der Kim) verschwindet.

Das Ende der Welt wartet am Cabo de Sao Vicente


Die Algarve ist im Übrigen zu jeder Jahreszeit ein attraktives Reiseziel. Wann verschlägt es Sie nach Portugal?

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